Jeder zweite Jugendliche erlebt sexualisierte Gewalt im Netz – und viele wissen nicht, wie sie sich wehren
Andree TrubinJeder zweite Jugendliche erlebt sexualisierte Gewalt im Netz – und viele wissen nicht, wie sie sich wehren
Eine aktuelle Studie zeigt, dass fast die Hälfte der jungen Menschen in Deutschland von sexualisierter Gewalt im Internet betroffen ist. Die Ergebnisse stammen aus einer Sonderauswertung der Jugendsexualitätsstudie des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit. Expertinnen und Experten warnen, dass viele Vorfälle in Freundeskreisen oder Klassenchats stattfinden – oft aufgrund von Naivität und mangelnder digitaler Kompetenz.
Eine Fachfrau, die sich intensiv mit dem Problem auseinandersetzt, ist Yasmina Ramdani. Seit drei Jahren leitet sie Präventionsworkshops an Thüringer Schulen und hat dabei rund 5.000 Schülerinnen und Schüler der fünften bis achten Klasse erreicht. Ihr Ansatz umfasst interaktive Methoden wie Bingokarten, um mit Jugendlichen auf anschauliche Weise über digitale Grenzen zu sprechen.
Ein besonderes Risiko stellt das sogenannte Cybergrooming dar. Täterinnen und Täter beginnen oft mit harmlosen Chats, bevor sie zu sexueller Belästigung oder Missbrauch übergehen. Die Anonymität und Reichweite des Internets erleichtern es Kriminellen, Kinder und Jugendliche gezielt anzugreifen.
Ramdani betont, dass die Sicherheit von Kindern im Netz maßgeblich von ihrem Umfeld abhängt. Erwachsene müssten Verantwortung übernehmen, indem sie ihr eigenes Verhalten reflektieren und offen über Grenzen sprechen. Eltern kommen dabei eine Schlüsselrolle zu, um junge Menschen durch die digitalen Gefahren zu begleiten.
Auch Lehrkräfte stehen vor Herausforderungen. Viele erkennen zwar die Bedeutung des Themas, fühlen sich aber überfordert und schlecht vorbereitet. Unterstützung für Pädagoginnen und Pädagogen bleibt begrenzt – oft fehlt es an klarem Handlungswissen für wirksame Interventionen.
Das Problem beschränkt sich nicht auf individuelles Fehlverhalten. Auch soziale Medien tragen eine Mitverantwortung: Ihre Algorithmen und auf Aufmerksamkeit ausgelegten Geschäftsmodelle können schädliche Interaktionen ungewollt verstärken.
Öffentlich bekannte Fälle wie die Vorwürfe von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen haben die Debatte um digitale Gewalt weiter befeuert. Der Vorfall zeigt, wie Online-Missbrauch zunehmend als Teil eines größeren Musters von Schädigung wahrgenommen wird.
Ramdanis Workshops in Thüringen weisen einen möglichen Weg. Indem sie digitale Erfahrungen in reale Gespräche übersetzt, hilft sie Schülerinnen und Schülern, Grenzen und Risiken besser zu verstehen. Solche Programme sind jedoch bundesweit noch nicht flächendeckend etabliert – viele Schulen verfügen über keine strukturierten Präventionsangebote.
Die Studie unterstreicht den dringenden Bedarf an besserer Aufklärung und Unterstützung im Umgang mit sexualisierter Gewalt im Digitalen. Angesichts der Tatsache, dass fast jedes zweite junge Mensch betroffen ist, müssen Präventionsmaßnahmen Eltern, Lehrkräfte und Plattformen gleichermaßen einbeziehen. Ramdanis Arbeit in Thüringen bietet ein Vorbild – doch es braucht bundesweite Initiativen, um Jugendliche wirksam zu schützen.






