27 March 2026, 16:20

Stuttgarts Opern-Skandal: "Sancta" spaltet Publikum wie einst Hindemiths verbotene Provokation

Plakat für das Théâtre de l'Opéra in Paris mit einer Frau in einem weißen Kleid mit einem blauen Schultertuch, ihre Haare zu einem Dutt gebunden, vor einem tiefblauen Nachthimmel mit Sternen.

Stuttgarts Opern-Skandal: "Sancta" spaltet Publikum wie einst Hindemiths verbotene Provokation

Ein mutiges neues Opernwerk entfacht in Stuttgart erneut Debatten – und erinnert an einen Jahrhundertskandal

Sancta, inszeniert von Florentina Holzer, feierte am 5. Oktober 2024 an der Staatsoper Stuttgart Premiere – und sorgte sogleich für eine Mischung aus Kontroverse und Begeisterung. Die provokante Auseinandersetzung der Produktion mit Religion und Geschlechterrollen weckt Assoziationen zu Paul Hindemiths 1921 verbotenem Werk Sancta Susanna – und führte bei der Uraufführung sogar zu medizinischen Zwischenfällen unter den Zuschauern.

Die Wurzeln von Sancta reichen zurück bis zu Hindemiths Sancta Susanna, ein Stück, das 1921 vom selben Opernhaus wegen angeblicher Gotteslästerung abgelehnt wurde. Holzer deutet den Stoff radikal um: Frauen übernehmen die Deutungshoheit über Erzählungen, die ihnen in der christlichen Geschichte lange verwehrt blieben. Der kreative Prozess war intensiv – noch bis zur Premiere wurden neue Szenen eingefügt, nach monatelangen Proben.

Dirigentin Marit Strindlund, bekannt für ihr Wirken im experimentellen Musiktheater, wurde persönlich von Stuttgarts Opernintendant Viktor Schoner für die Leitung der Produktion ausgewählt. Ihre Erfahrung mit avantgardistischen Aufführungen passte perfekt zu Holzer Vision: eine Verschmelzung von Hochkultur und Konfrontation.

Die Premiere selbst wurde über die Bühne hinaus zum Gesprächsthema. Achtzehn Zuschauer mussten ärztlich versorgt werden – ein seltenes Ereignis, das die körperliche Wucht der Inszenierung unterstrich. Trotz des Aufruhrs sind Karten für die Vorstellungen am 3., 4. und 5. Oktober noch erhältlich, während die Termine am 1. und 2. November innerhalb kürzester Zeit ausverkauft waren.

Holzers Werk hat zudem eine breitere Debatte über die Rolle der Kunst bei der Infragestellung gesellschaftlicher Normen entfacht. Bei Veranstaltungen wie Zukunft:Kultur im März 2026 prallten die Meinungen von Kritikern und Befürwortern aufeinander: Bricht Sancta künstlerische Grenzen – oder provoziert es nur um der Provokation willen? Doch die Verteidiger der Oper argumentieren, ihre Stärke liege gerade darin, dass sie Diskussionen erzwingt – ganz wie Hindemiths Werk es vor über hundert Jahren tat.

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Sancta wird fünfmal in Stuttgart aufgeführt, wobei die letzten Vorstellungen bereits ausverkauft sind. Die Mischung aus Religionskritik und feministischem Empowerment hat der Produktion einen festen Platz in der Geschichte des Opernhauses gesichert – ähnlich wie der Skandal, der sie inspirierte. Die von ihr ausgelösten Debatten zeigen indes keine Anzeichen, bald zu verflauen.

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