Wie Neslihan Arol das osmanische Erzähltheater Meddah in Berlin feministisch neu erfindet
Adalbert BiggenWie Neslihan Arol das osmanische Erzähltheater Meddah in Berlin feministisch neu erfindet
Neslihan Arol erweckt eine jahrhundertealte osmanische Kunstform in Berlin zu neuem Leben. Mit ihrem feministischen Ansatz zum Meddah – einem traditionellen Erzähltheater – bringt sie frischen Schwung in die Berliner Kulturszene. Im Bavul Café in Kreuzberg verbindet sie Humor, Politik und mehrsprachiges Flair zu Auftritten, die Erwartungen herausfordern.
2014 kam Arol erstmals nach Berlin, um im Rahmen ihrer Promotion über Comedy, Clownerie und Meddah zu forschen. Acht Jahre dauerte das Projekt, in denen sie auch die Clownerie als feministische Ausdrucksform erkundete. Frustriert über das Fehlen witziger Frauenrollen im klassischen Theater, wandte sie sich dem Meddah zu – einer ursprünglich von Männern dominierten Kunstform – und schuf sich damit ihren eigenen Raum.
Ihre Auftritte in Häusern wie dem Ballhaus Naunynstraße oder dem Haus der Kulturen der Welt etablierten sie als markante Stimme der Szene. 2022 feierte sie ihr erstes Solo-Meddah-Stück, und bis 2024/25 erweiterte sie ihr Schaffen um kollaborative Projekte wie Meddahlichter sowie Workshops mit türkisch-deutschen Künstler:innen. Die Anerkennung blieb nicht aus – unter anderem mit einem Platz beim Berliner Herbstsalon.
Auf der Bühne schlüpft Arol in mehrere Rollen, wechselt zwischen Sprachen und nutzt übertriebene Gesten, um das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Ein kleines Flämmchen, in einem Teelicht getragen, begleitet sie den ganzen Abend – Symbol für Geschichten, die im Moment entstehen. Ursprünglich verwendete sie eine alte Gaslampe, doch nach einem Beinahe-Unfall ersetzte sie diese durch eine sicherere Kerze. Zum Abschluss jeder Vorstellung bläst sie die Flamme aus – ein Abschied mit dem Versprechen neuer Erzählungen beim nächsten Mal.
Bevor Arol zum Theater fand, studierte sie Chemieingenieurwesen. Doch ihre Masterarbeit widmete sie bereits Clowns aus feministischer Perspektive – ein frühes Zeichen für den künstlerischen Weg, den sie später einschlagen würde.
Arols Meddah-Aufführungen dekonstruieren eine männlich geprägte Tradition mit Witz, politischer Schärfe und einer tief persönlichen Note. Die kerzenbeleuchteten Abende im Bavul Café spiegeln ihren Glauben an das Geschichtenerzählen als Kunst und Akt der Verbindung wider. Ihr wachsender Einfluss in Berlins Kulturszene steht für einen größeren Wandel: wie alte Formen neue, inklusivere Stimmen finden können.






